100 Prozent Nachfrage, null freie Kapazität: Warum Vordrängeln die Anschlusskrise nicht löst

Zwei Meldungen aus den letzten Wochen erzählen zusammen eine Geschichte, die größer ist als jede einzelne. Die erste handelt von einer Nachfrage, wie es sie selten gibt. Die zweite von einer politischen Antwort, die keine ist. Und dazwischen liegt die Frage, die uns bei aurivolt seit Monaten beschäftigt: Wem gehört eigentlich die knappste Ressource der Elektrifizierung?
Alle wollen nach Deutschland
Der Digitalverband Bitkom hat im Juli Unternehmen in Deutschland gefragt, wo ihre Cloud-Daten am liebsten liegen sollen. Das Ergebnis ist bemerkenswert eindeutig: 100 Prozent würden Deutschland als Standort bevorzugen.
Für 97 Prozent entscheidet der Serverstandort sogar mit darüber, welchen Anbieter sie überhaupt wählen. Die USA bevorzugen nur 12 Prozent, China schließen 94 Prozent aus. Die Gründe liegen auf der Hand: Datenschutz, digitale Souveränität, keine Abhängigkeit von fremden Rechtsräumen.
Die Nachfrage nach Rechenzentren in Deutschland ist also da. Vollständig. Nur müssten diese Rechenzentren erst einmal gebaut werden. Und genau daran scheitert es.
Im wichtigsten deutschen Rechenzentrumsstandort Frankfurt haben neue Großprojekte vor 2030 praktisch keine Chance auf einen Netzanschluss. Der örtliche Netzbetreiber geht davon aus, dass leistungsstarke Neuanschlüsse erst ab Mitte der 2030er Jahre wieder möglich sind. Selbst der Bitkom benennt in seiner eigenen Pressemitteilung den raschen Anschluss ans Stromnetz als Voraussetzung.
Es fehlt nicht der Strom. Es fehlt der Anschluss.
Die Politik lässt vordrängeln
Die politische Antwort auf dieses Problem gibt es bereits. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche hat angekündigt, dass Netzbetreiber Rechenzentren an besonders geeigneten Stellen künftig prioritär anschließen können. Die Bundesnetzagentur soll das Anschlussregime entsprechend ändern, und im geplanten Netzanschlusspaket ist die Priorisierung von Anschlussbegehren bereits konkret angelegt.
Das klingt zunächst nach einer Lösung. Es ist aber keine. Denn Priorisierung schafft keine neue Kapazität. Sie verteilt nur den Mangel.
Wenn das Rechenzentrum in der Warteschlange vorgezogen wird, rückt jemand anderes nach hinten: die Gießerei, die sechs Millionen Euro in einen klimafreundlichen Elektroofen investieren will und deren Anschluss frühestens 2031 kommt. Der Logistiker, der seine Lkw-Flotte elektrifiziert. Der Ladepark. Die Großwärmepumpe.
Bemerkenswert ist ein Detail im Gesetzentwurf: Neben dem Wort Priorisierung steht dort, wörtlich, auch das Wort Depriorisierung. Über das erste wird öffentlich geredet. Über das zweite schweigt man lieber. Dabei ist es die eigentliche Nachricht: Der Staat entscheidet künftig nicht nur, wer zuerst ans Netz darf, sondern auch, wer länger wartet.
Die Warteschlange wird nicht kürzer. Sie wird nur umsortiert.
Die Frage, die niemand stellt
Man kann an der Reihenfolge der Warteschlange arbeiten. Das tut die Politik gerade. Man kann sich aber auch eine ganz andere Frage stellen: Warum wollen eigentlich alle durch dieselbe Tür?
Bei Batteriespeichern haben wir diese Frage längst beantwortet. Statt einen riesigen Speicher an den einen großen, umkämpften Anschluss zu bringen, bauen wir viele kleine, verteilt im Niederspannungsnetz, dort, wo noch Kapazität vorhanden ist. Dezentral statt zentral. Das Prinzip funktioniert, wir betreiben es täglich.
Ob dieses Prinzip auch für andere Großverbraucher taugt, die heute in den überfüllten Warteschlangen der Ballungsräume stehen? Das ist eine Frage, über die sich gründlicher nachzudenken lohnt, als es die aktuelle Debatte tut. Wir tun das bereits.
Was das für Eigentümer von Flächen und Anschlüssen bedeutet
Eine Konsequenz dieser Entwicklung wird unterschätzt: Bestehende Anschlusskapazität wird zum Vermögenswert. Wer heute ein Grundstück mit einem leistungsfähigen Netzanschluss besitzt oder eine Fläche in einer Region, in der das Netz noch Luft hat, hält ein Gut, das mit jedem Jahr knapper und wertvoller wird.
Während in Frankfurt bis Mitte der 2030er nichts mehr geht, liegen andernorts Kapazitäten brach: an Ortsnetzstationen, an Gewerbestandorten, an bestehenden Anlagen. Genau solche Standorte sind für uns interessant.
aurivolt sucht laufend Flächen und Grundstücke mit vorhandenem oder realisierbarem Netzanschluss, für dezentrale Speicherprojekte und darüber hinaus. Wer eine solche Fläche besitzt und wissen möchte, was in ihr steckt, kann sich unverbindlich bei uns melden. Wir prüfen jeden Standort individuell.
Fazit
Die Anschlusskrise ist real, die Nachfrage total, und die politische Antwort verschiebt das Problem, statt es zu lösen. Priorisierung schafft kein einziges Kilowatt. Die interessanteren Antworten entstehen dort, wo man die Warteschlange verlässt, statt sich in ihr nach vorne zu arbeiten.
Wie groß der Engpass wirklich ist, wer alles betroffen ist und warum die Zukunft der Elektrifizierung dezentraler aussehen könnte, als die meisten denken: Darum geht es ausführlich in der kommenden Folge unseres Podcasts future runs here – auf YouTube, Spotify und Apple Podcasts.
Mehr zu den Grundlagen des Themas: unser Beitrag „Das knappste Gut der Energiewende ist nicht der Strom. Es ist der Netzanschluss."
Häufige Fragen
Warum bekommen Rechenzentren in Deutschland keinen Netzanschluss?
Weil die Anschlusskapazität in den Ballungsräumen vergeben ist, nicht weil Strom fehlt. In Frankfurt, dem wichtigsten deutschen Rechenzentrumsstandort, sind leistungsstarke Neuanschlüsse nach Einschätzung des örtlichen Netzbetreibers erst ab Mitte der 2030er Jahre wieder möglich. Der Engpass liegt im Netz und in der Warteschlange der Anschlussbegehren.
Was bedeutet Priorisierung von Netzanschlüssen?
Priorisierung heißt, dass Netzbetreiber bestimmte Anschlussbegehren – etwa von Rechenzentren an geeigneten Standorten – vorziehen dürfen. Angekündigt hat das Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche; die Bundesnetzagentur soll das Anschlussregime entsprechend anpassen. Neue Kapazität entsteht dadurch nicht: Priorisierung verteilt den Mangel um, statt ihn zu beheben.
Was ist Depriorisierung – und was steht dazu im Netzanschlusspaket?
Alle Großverbraucher, die elektrifizieren wollen: Industriebetriebe mit Elektroöfen, Logistiker mit Lkw-Ladeinfrastruktur, Ladeparks, Großwärmepumpen und Batteriespeicherprojekte. Wartezeiten bis 2031 und darüber hinaus sind in vielen Netzgebieten Realität. Jedes vorgezogene Projekt verlängert die Wartezeit eines anderen.
Wer ist von der Anschlusskrise außer Rechenzentren betroffen?
Das hängt vom Einzelfall ab. Wirtschaftlich sinnvoll ist meist eine Kapazität, die mehrere Stunden Be- und Entladung erlaubt.
Warum wird ein Grundstück mit vorhandenem Netzanschluss immer wertvoller?
Weil bestehende Anschlusskapazität zur knappen Ressource geworden ist und damit zum Vermögenswert. Wer eine Fläche mit leistungsfähigem Netzanschluss besitzt – oder ein Grundstück in einer Region, in der das Netz noch Reserven hat – hält ein Gut, das sich nicht kurzfristig neu schaffen lässt. Interessant sind dabei auch scheinbar unauffällige Standorte an Ortsnetzstationen, Gewerbeflächen oder bestehenden Anlagen.
Wie umgehen dezentrale Batteriespeicher das Netzanschlussproblem?
Sie nutzen vorhandene Kapazität im Niederspannungsnetz, statt sich um einen großen, umkämpften Anschluss zu bewerben. Anstelle eines Großspeichers an einem Anschlusspunkt entstehen viele kleine Speicher dort, wo das Netz noch Luft hat. aurivolt betreibt dieses dezentrale Prinzip täglich und prüft laufend geeignete Flächen und Anschlüsse – Standortangebote werden individuell bewertet.
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