Negative Strompreise sind keine Anekdote mehr — sie werden zur Regel. 573 Stunden allein im Jahr 2025, weitere 123 im April 2026. Was wie ein Detail klingt, ist ein Systemsignal: Die Energiewende kommt in eine Phase, in der mehr Erzeugung nicht mehr automatisch mehr Nutzen bedeutet — und in der Flexibilität, Infrastruktur und Kapital über den Erfolg entscheiden.
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Ein Briefing von Markus Baumann, Gründer und CEO von AURIVOLT
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Deutschland baut Erneuerbare im Rekordtempo — und immer öfter entsteht der erzeugte Strom genau dann, wenn ihn niemand braucht. Negative Börsenpreise, sinkende Erlöse für Anlagenbetreiber, gleichzeitig hochverschuldete Stadtwerke beim Netzausbau: die Energiewende kommt in eine Phase, in der ihr eigener Erfolg zu ihrem größten Engpass wird. Was jetzt zählt, sind nicht mehr Gigawatt — sondern die Infrastruktur, die diesen Strom nutzbar macht.
573 Stunden negative Strompreise an der deutschen Börse im Jahr 2025. Allein im April 2026 weitere 123 Stunden. Am 1. Mai 2026 rutschte der Preis mittags über mehrere Viertelstunden auf rund minus 499 Euro pro Megawattstunde, wenige Stunden später war er wieder klar im positiven Bereich.
Solche Zahlen wirken auf den ersten Blick wie ein technisches Detail. Sie sind es nicht. Sie sind ein Systemsignal: Erzeugung und Verbrauch passen zeitlich nicht mehr zusammen. Mittags zu viel, abends zu wenig. Ein Stromsystem, das ohne Speicher- und Steuerungsschicht arbeitet, kann diese Schieflage nicht mehr ausgleichen — also wird Strom an manchen Tagen verschenkt und an anderen teuer eingekauft.
Diese Schieflage hat nichts mit „zu viel" Photovoltaik zu tun. Sie hat etwas mit Timing zu tun. Wer den Markt beobachtet, sieht ein Muster: Je mehr volatile Erzeugung im System ist, desto wichtiger wird die Fähigkeit, Energie zeitlich, räumlich und marktlich zu verschieben.
Das ist kein moralisches Problem. Es ist kein ideologisches Problem. Es ist ein Infrastrukturproblem.
Und genau dort beginnt die nächste Phase der Energiewende.
„Flexibilität" klingt nach einem technischen Detail — ist aber das zentrale Thema der nächsten Jahre. Konkret bedeutet sie:
Zur Flexibilität gehören Batteriespeicher, Netzanschlüsse und Übergabetechnik, digitale Steuerung und Lastmanagement — und nicht zuletzt das Kapital, das diese Infrastruktur überhaupt entstehen lässt.
Flexibilität ist deshalb kein Nebenprodukt der Energiewende. Sie ist der Unterschied zwischen Stromerzeugung und einem funktionierenden Energiesystem.
Die deutsche Energiedebatte feiert weiterhin Ausbauzahlen, Zubaukurven und Rekordwerte bei installierter Leistung. All das ist relevant — aber es erzählt nicht die ganze Geschichte.
Installierte Leistung ist noch keine Versorgungssicherheit. Zubau ist noch keine Systemintegration. Eine eindrucksvolle Ausbaukurve ersetzt keine Infrastruktur. Wer den nächsten Schritt nicht mitdenkt, baut kein Energiesystem — sondern eine Statistik.
Und genau hier liegt das Risiko: Wenn wir die Lücke zwischen Erzeugung und Nutzung weiter ignorieren, wird der politische und ökonomische Druck wachsen, ohne dass die strukturelle Lösung in Sichtweite kommt.
Ein Aspekt wird in der öffentlichen Debatte selten erwähnt, ist aber für die nächsten zehn Jahre entscheidend: Der klassische Netzausbau in Deutschland wird im Wesentlichen von Stadtwerken und Verteilnetzbetreibern geschultert. Sie nehmen dafür enorme Kredite auf — und einige davon stoßen längst an die Grenzen ihrer Bilanztragfähigkeit.
Beim Aufbau von Flexibilität ist das anders. Speicher, Batterieparks, dezentrale Speicher und Schwarmspeicher werden überwiegend von privatem Kapital finanziert. Nicht allein vom oft zitierten kanadischen Pensionsfonds, sondern zunehmend auch von Family Offices, Stiftungen, vermögenden Privatinvestoren und institutionellen Anlegern, die in Infrastruktur investieren, die das System wirklich braucht.
Dieser Effekt ist erheblich:
Wenn private Investoren Flexibilität bauen, übernehmen sie einen Teil dessen, was Netzbetreiber sonst allein schultern müssten.
Das entlastet die Netze. Das entlastet die Stadtwerke. Es entlastet am Ende den Strompreis und den Steuerzahler.
Klimaschutz, das wird in dieser Phase besonders deutlich, braucht Kapital — nicht Kampagnen.
Für Unternehmer und Industrieentscheider verschiebt sich Energie gerade von einer Kostenposition zur Standortfrage. Wer wachsen, produzieren oder elektrifizieren will, muss Energie strategisch denken: Netzanschluss, Lastmanagement, Eigenverbrauch, Steuerbarkeit.
Für Investoren ist die spannende Frage nicht mehr nur, wo Strom erzeugt wird — sondern wo daraus investierbare Infrastruktur wird. Wo entstehen wiederholbare Assets? Wo entstehen planbare Cashflows? Wo entsteht Infrastruktur, die nicht nur politisch gewollt, sondern wirtschaftlich gebraucht wird?
Für Projektentwickler bedeutet die Entwicklung: PV, Speicher, Netzanschluss und Vermarktung gehören immer enger zusammen. Einzelne Bausteine isoliert zu betrachten, wird wirtschaftlich zunehmend schwierig.
Der gemeinsame Nenner: Nicht mehr Megawatt — sondern die Frage, ob aus Strom Wert wird.
Natürlich ist PV-Zubau gut. Natürlich brauchen wir mehr Erneuerbare. Aber jede neue Anlage ist eben ein Baustein — kein fertiges System.
Die Energiewende wird in dieser Phase erwachsen. Sie verlässt die Phase der Symbolik und kommt in die Phase der Umsetzung. In dieser Phase zählen nicht mehr nur Ausbauziele, sondern die Frage, ob die Infrastruktur dahinter mitwächst.
Genau dort sehe ich AURIVOLT: an der Schnittstelle aus dezentraler Energieinfrastruktur, Speicher, Steuerung, Marktintegration und Kapital. Für mich ist ein Speicher kein Gerät, sondern ein Infrastrukturbaustein, der Erzeugung und Verbrauch, Märkte und Netze, Technik und Kapital miteinander verbindet.
Wenn Elektrifizierung praktisch funktionieren soll, müssen diese Dinge zusammenkommen. Nicht irgendwann. Jetzt