Negative Strompreise an immer mehr Tagen im Jahr. Zunehmende Einspeisebeschränkungen. Ein sinkender Marktwert für Solarstrom. Wer eine Photovoltaik-Anlage betreibt oder gerade eine plant, merkt es deutlich: Die reine Einspeisung ins öffentliche Netz trägt sich als Geschäftsmodell immer schwerer. Eine mögliche Antwort, die in der Branche gerade viel Aufmerksamkeit bekommt, ist das sogenannte Co-Location-Konzept – ein Batteriespeicher, der direkt am Netzanschluss der PV-Anlage sitzt. Aurora Energy Research sieht Deutschland dabei aktuell als attraktivsten Markt in Europa, noch vor Großbritannien.
2025 gab es allein 573 Stunden mit negativen Strompreisen. Der durchschnittliche Tages-Preisunterschied am Day-Ahead-Markt lag bei rund 130 €/MWh. Und laut Aurora Energy Research werden die Einspeisebeschränkungen in Deutschland bis 2030 von heute zehn auf rund 33 Terawattstunden steigen, besonders in den sonnenreichen Sommermonaten.
Was das in der Praxis bedeutet: Solarstrom fließt häufig genau dann ins Netz, wenn er am wenigsten gebraucht wird und entsprechend wenig wert ist. Die sogenannte Marktwertkannibalisierung, also dass der Marktwert von Solarstrom im Vergleich zum allgemeinen Strompreis immer weiter zurückfällt – ist längst keine theoretische Diskussion mehr. Sie taucht in jeder ernsthaften Wirtschaftlichkeitsrechnung auf.
Gleichzeitig stockt der Ausbau separater Großspeicher gewaltig: Bei den Übertragungsnetzbetreibern liegen 650 Anschlussanfragen für rund 226 Gigawatt Leistung – Genehmigungen und Netzanschlüsse können Jahre dauern.
Beim Co-Location-Ansatz teilen sich PV-Anlage und Batteriespeicher denselben Netzanschluss. Das klingt unscheinbar, hat aber praktische Konsequenzen: Es braucht keinen eigenen Netzanschluss für den Speicher, die vorhandene Kapazität wird besser ausgenutzt, und der Solarstrom kann gezielt dann eingespeist werden, wenn der Preis stimmt, statt immer dann, wenn die Sonne scheint. Dazu kommt, dass der Speicher selbst am Großhandelsmarkt aktiv sein kann - im Day-Ahead- und Intraday-Handel sowie in der Regelleistung. PV-Anlage und Speicher teilen sich Infrastruktur und Netzanschlusskosten, was die Gesamtrendite verbessern kann. Aurora zufolge liegt der IRR eines Co-Location-Projekts in vielen Fällen über dem eines vergleichbaren Stand-Alone-Speichers.
Im aktuellen European Co-location Markets Attractiveness Report belegt Deutschland unter 20 untersuchten Ländern den ersten Platz. Ausschlaggebend sind Marktgröße, Rendite-Potenzial und die hohe Preisvolatilität. Ende 2025 waren in Europa rund 6,3 Gigawatt Co-Location-Kapazität installiert - 65 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Mehr als 60 Prozent davon entfallen auf PV-Speicher-Kombinationen. Bis 2030 erwartet Aurora ein Wachstum auf rund 35 Gigawatt - ein Plus von 457 Prozent. Die treibenden Faktoren sind überall ähnlich: Netzengpässe, steigende Einspeisebeschränkungen und volatilere Preise.
Bei der Umsetzung gibt es zwei Wege, die sich in Förderlogik und Vermarktungsmöglichkeiten unterscheiden:
Beim ersten Modell wird der Speicher als eigenständiger Marktteilnehmer am PV-Netzanschluss betrieben. Er kann Strom sowohl aus der PV-Anlage als auch aus dem Netz aufnehmen und ist an allen relevanten Märkten handelbar. Das gibt den größtmöglichen Spielraum für Arbitrage-Erlöse.
Beim zweiten Modell, der „echten" Co-Location im Sinne geförderter Ausschreibungen, ist der Speicher bilanziell der PV-Anlage zugeordnet, wird ausschließlich mit grünem Solarstrom geladen und speist gezielt zu Hochpreis-Zeiten ein. Branchenanalysen zufolge lässt sich damit der Marktwert des PV-Stroms mehr als verdoppeln, allerdings ist das regulatorische Korsett enger, zum Beispiel im Rahmen der EEG-Innovationsausschreibung.
Welche Variante passt, hängt von Anlagengröße, Netzanschlussbedingungen, Förderhistorie und Vermarktungsstrategie ab.
Co-Location ist kein Thema mehr, das nur Großprojekte betrifft. In der Praxis kommt es für viele PV-Standorte in Frage:
Freiflächen- und Solarparkbetreiber, die sich gegen sinkende Marktwerte absichern wollen. Projektentwickler im Bestand wie im Neubau, die einem PV-Projekt zusätzliche Einnahmequellen erschließen möchten. Industriebetriebe und Gewerbeimmobilien mit größeren Aufdachanlagen, die Lastspitzen kappen oder freie Anschlusskapazität für Arbitrage nutzen wollen. Und nicht zuletzt Betreiber älterer Anlagen, die aus der EEG-Förderung gefallen sind oder in den nächsten Jahren fallen und ein neues Geschäftsmodell für ihren Standort suchen.
Was alle verbindet: ein Netzanschluss, der einen Großteil der Zeit nicht voll ausgelastet ist und damit brachliegendes Potenzial.
Das Konzept ist einleuchtend, die Umsetzung aber kein Selbstläufer. Vier Punkte sind entscheidend:
Die erste Welle des Speicherausbaus in Deutschland war geprägt von Stand-Alone-Großprojekten auf der einen und Hausspeichern auf der anderen Seite. Was jetzt kommt, ist hybrider: Erzeugung und Speicherung am selben Ort, am selben Anschluss, optimiert für einen Strommarkt, der immer volatiler wird.
Ein Batteriespeicher, der am gleichen Netzanschluss wie eine PV-Anlage betrieben wird. Beide teilen sich die Anschlusskapazität. Der Speicher kann Strom aus der PV-Anlage oder dem Netz aufnehmen und zu wirtschaftlich günstigen Zeiten wieder abgeben.
In der Regel nein. Eine technische Abstimmung mit dem Netzbetreiber ist trotzdem notwendig.
Ja. gerade Anlagen, die aus der EEG-Förderung herausfallen, haben oft viel zu gewinnen. Aber auch geförderte Anlagen können ihren Marktwert durch Co-Location spürbar verbessern.
Das hängt vom Einzelfall ab. Wirtschaftlich sinnvoll ist meist eine Kapazität, die mehrere Stunden Be- und Entladung erlaubt.
Beide Varianten haben ihre Berechtigung. Stand-Alone gibt mehr Vermarktungsfreiheit. Die „echte" Co-Location ist vor allem im Kontext geförderter Ausschreibungen interessant.
Deutlich kürzer als bei einem Stand-Alone-Großspeicher mit neuem Netzanschluss. Mit standardisierten Lösungen ist eine Inbetriebnahme oft in Monaten möglich.